„Morgen bist du zuständig. Für alles.“
Diesen Satz habe ich vor vielen Jahren im Urlaub in der Schweiz zum Vater unserer gerade mal 1-jährigen Tochter gesagt. Wir haben Verwandte und Freunde besucht und einen Ausflug in Zürich geplant.
Ich war müde und wollte einen Tag lang einfach nicht zuständig sein. Vor allem fürs Denken: Wenn wir diesen Ausflug machen, was packen wir ein? Was müssen wir bedenken? Wie koordinieren wir Schlaf- und Essenszeiten des Kindes? „Du bist morgen hauptverantwortlich“ sagte ich also. Entspannt war ich deshalb trotzdem nicht.
Ich hatte damals – weil ich in Karenz war – bei allem mehr Routine, mehr Erfahrung und das Gefühl, alles besser zu wissen. Er fragte mich viel und ich habe mich immer wieder bremsen müssen, um nicht doch wieder alles selbst zu übernehmen.
Es war ein Anfang. Damals kannte ich den Begriff Mental Load noch gar nicht. Erst viele Jahre später bin ich auf Instagram darüber gestolpert. Ich habe einen Beitrag gelesen und plötzlich gedacht:
„Scheiße. Genau das ist es.“
Dieses ständige Mitdenken. Planen. Erinnern. Organisieren. Zuständig sein. Nicht nur für mich selbst, sondern für gefühlt alles. Und plötzlich hatte dieses Gefühl einen Namen. Allein das war schon eine Erleichterung.
Was bedeutet Mental Load?
Mental Load beschreibt die unsichtbare Denkarbeit, die im Alltag ständig mitläuft. Es geht nicht nur darum, wer einkauft, kocht oder Wäsche wäscht. Sondern darum, wer daran denkt, dass kein Brot mehr da ist. Wer den Zahnarzttermin vereinbart. Wer weiß, dass morgen das Wechsel-Gewand im Kindergarten sein muss oder dass noch ein Geburtstagsgeschenk besorgt werden sollte.
Die aktuell aussagekräftigste Untersuchung für Österreich ist die Zeitverwendungserhebung 2021/22 der Statistik Austria, deren Ergebnisse Ende 2023 veröffentlicht wurden. Sie zeigt deutlich: Frauen übernehmen nach wie vor einen wesentlich größeren Teil der unbezahlten Sorgearbeit als Männer. Und dabei ist das ständige Mitdenken – also Mental Load – in diesen Zahlen noch gar nicht vollständig sichtbar.
Ich finde das wichtig zu wissen. Nicht, um Männer schlechtzumachen. Sondern damit wir endlich verstehen: Viele Frauen tragen dauerhaft zu viel Verantwortung im Kopf.
Der erste „andere“ Kindergeburtstag
Das erste Mal, dass ich Verantwortung wirklich abgegeben habe, war Jahre später. Beim ersten Kindergeburtstag, den ich komplett abgegeben habe, als das zweite Kind im Kindergarten war. Wieder sagte ich die Worte: „Du bist zuständig“. Nicht nur für die Schatzsuche. Sondern für alles: Wann feiern wir? Wen möchte unser Kind einladen? Wer bäckt die Torte? Welche Torte? Was wünscht sich das Kind? Welche Spiele machen wir oder lassen wir sie ganz frei spielen? Wer kommuniziert mit den anderen Eltern?
Ich glaube, ich habe uns beide fast dazu zwingen müssen. Mein Mann hat die Verantwortung damals nicht selbstverständlich eingefordert – und ich habe sie nicht selbstverständlich losgelassen. Und obwohl die Party dann später geplant wurde und anders abgelaufen ist, als ich es gemacht habe – es ist trotzdem schön geworden.
Und zum ersten Mal habe ich gespürt: So kann es auch gehen, wenn ich nicht alleine für alles zuständig bin.
Verantwortung teilen ist Beziehungsarbeit
Für mich ist Mental Load eines der wichtigsten Beziehungsthemen unserer Zeit. Die klassische, traditionelle Rollenverteilung ist oft auch bei Personen, die eigentlich gleichberechtigt leben wollen, noch immer eine der größten Herausforderungen. Nicht nur in Beziehungen mit Kindern – aber mit Kindern ganz besonders.
Verantwortung zu teilen bedeutet für mich nicht nur, Aufgaben aufzuteilen. Es bedeutet auch, Verantwortung wirklich abzugeben bzw. von der anderen Seite zu übernehmen. Loslassen und übernehmen zu lernen. Auszuhalten, wenn etwas anders gemacht wird. Im Gespräch zu bleiben. Einzufordern. Und mich nicht mit dem Bare Minimum zufriedenzugeben.
Das gelingt nicht von heute auf morgen. Aber ich glaube, es lohnt sich.
Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Es ist ein Prozess.
Es gibt Phasen, in denen ich mich freue, wie selbstverständlich wir Verantwortung mittlerweile teilen. Und dann gibt es wieder Momente, in denen ich das Gefühl habe, ohne mich würde alles zusammenbrechen.
Doch mit der Zeit hat sich etwas verändert. Es fällt mir heute leichter, Verantwortung wirklich abzugeben. Nicht nur Aufgaben zu verteilen, sondern darauf zu vertrauen, dass sie auch ohne mich gut erledigt werden dürfen. Ich mache mich dadurch ein Stück weit ersetzbar. Und das empfinde ich mittlerweile nicht mehr als Verlust, sondern als große Entlastung.
Gleichzeitig haben unsere Kinder eine noch engere Beziehung zu ihrem Papa aufgebaut. Und ich glaube auch, dass unsere Partnerschaft dadurch gewachsen ist. Nicht, weil plötzlich alles perfekt geworden wäre. Sondern weil Verantwortung heute auf mehreren Schultern liegt als früher. Und weil meinem Partner – durch viele, lange Gespräche und Streits – im Laufe der Monate und Jahre klar geworden ist, dass wir ohne diese Verantwortungs-Verteilung immer weiter auseinanderdriften würden. Und wir gemeinsam beschlossen haben, lieber gemeinsam wachsen zu wollen.
Auch wenn es am Anfang ziemlich sicher unbequem ist.
Was ich uns zum Schluss wünsche
Wir werden jahrhunderte alte patriarchale Systeme nicht von heute auf morgen verändern können (auch wenn ich ungeduldig bin und es mir wünschen würde). Aber ich wünsche mir, dass immer mehr Frauen bemerken, wie viel sie jeden Tag im Kopf tragen – nicht, damit sie noch eine weitere Aufgabe auf ihrer Liste haben, sondern damit sie ihre Erschöpfung endlich einordnen können. Für mich war allein das schon eine große Erleichterung.
Ich wünsche mir, dass noch mehr Frauen beginnen, ganz selbstverständlich über ihre Belastungen und Verantwortungen zu sprechen. Dass Mental Load nicht länger etwas ist, das still und unsichtbar mitgetragen wird.
Und ich wünsche mir, dass wir aufhören, Mental Load als individuelles Problem von Frauen zu sehen. Denn wenn so viele Frauen Ähnliches erleben, dann ist es kein persönliches Versagen. Dann dürfen wir den Blick auch auf die Strukturen richten, in denen wir leben.
Gleichzeitig weiß ich, dass nicht jede Frau Verantwortung einfach abgeben kann. Nicht jede Beziehung ist ein sicherer Ort für solche Gespräche. Meine langjährige Arbeit im Gewaltschutzzentrum hat mir viele Einblicke in Beziehungen gegeben – und gezeigt, dass Macht- und Gewaltverhältnisse solche Veränderungen oft verhindern.
Aber dort, wo Gespräche möglich sind, wünsche ich mir, dass wir sie führen.
Vielleicht gibt es in deinem Leben die Möglichkeit, über Verantwortung zu sprechen. Vielleicht hast du ihr bisher einfach noch nicht die Bedeutung gegeben, die sie verdient.
Dann wünsche ich mir, dass du einmal tief durchatmest. Und den Mut findest, das Gespräch zu beginnen. Nicht, weil danach sofort alles anders sein wird.
Sondern weil Veränderung oft genau dort beginnt: In dem Moment, in dem etwas, das lange still mitgetragen wurde, endlich ausgesprochen wird.