In einer 1:1-Begleitung erzählte mir eine Frau von einem tollen Satz, den sie in einem Podcast gehört hatte und wie viel Sinn er für sie machte. Später hatte sie mit einer Freundin telefoniert und auch diese hatte einige gute Ratschläge für sie. Durch jahrelange Fortbildungen, Coachings und viele wertvolle Inputs aus unterschiedlichen Quellen hatte diese Frau über die Jahre unglaublich viele Werkzeuge für ihr Wohlbefinden gesammelt. Und doch ist sie nicht die Einzige, die durch dieses Wissen nicht glücklicher oder zufriedener wurde.
Was hat gefehlt?
Wenn ich eine Gemeinsamkeit nennen müsste, die die vielen Frauen, die ich bis heute in der Natur begleitet habe, vereint, dann wäre es: Unser Fokus liegt fast nur auf dem Kopf. Die Gedanken fliegen, der Geist arbeitet und unser Kopf bekommt die meiste Aufmerksamkeit. Und was dabei fehlt ist der Rest, unterhalb des Halses: unser Körper (von manchen auch liebevoll „Körperin“ genannt).
Kennst du das Gefühl, alles bis ins Detail analysieren zu wollen? Oder nach fünfzehn Minuten gar nicht gemerkt zu haben, dass du dem Gedanken-Karussell in deinem Kopf gefolgt bist? Oder beim Einschlafen nicht zur Ruhe kommen zu können? Dann geht es dir wie sehr vielen Personen heute.
Wir denken über vergangene Situationen nach. Was wurde alles gesagt, wie hätte ich anders reagieren können, warum konnte ich nicht schlagfertig meine Meinung sagen? Wir denken über die Zukunft nach: Wird dieser Termin gut ausgehen, habe ich an alles für übermorgen gedacht, was ist wenn ich XY wieder nicht schaffe?
Meine Erfahrung und auch die aktuelle Forschung deuten drauf hin: mit dem Kopf alleine werden wir weder die Vergangenheit ändern noch die Zukunft kontrollieren können. Wir befinden uns in einem konstanten Hin und Her zwischen gestern und morgen, und fühlen uns doch oft auf verlorenem Posten.
Denn was bleibt hier auf der Strecke?
Das Hier und Jetzt. Das Sein. Der Rest des Körpers.
Vor vielen Jahren habe ich irgendwo gehört, dass der Mensch jede Sekunde Millionen von Reizen verarbeitet und dabei nur einen Bruchteil davon tatsächlich bewusst wahrnimmt. Ich konnte das nicht wirklich glauben. Ich fand mich selbst nicht wieder – zu abstrakt schien mir dieser Gedanke. Zu sehr war ich im Kopf und in Vergangenheit und Zukunft verhaftet. Ich konnte nicht einmal wenn ich es ganz hart versuchte, mehr wahrnehmen als sonst. „Was spürst du jetzt gerade?“ – Ich hätte diese Frage kaum ehrlich beantworten können, weil ich es selbst nicht wusste.
Woran merke ich heute, dass ich im Körper und im Moment bin?
Ich spüre meine Atmung. Manchmal mehr in meinem Bauch, manchmal mehr bei meiner Nase. Ich spüre die Kleidung auf meiner Haut. Ich spüre die Schuhe an meinen Füßen oder die Berührung meiner Füße mit dem Untergrund. Ich merke, dass meine Augen zugehen wollen, weil ich nach innen schauen möchte. Ich nehme wahr, wo mir warm oder kalt ist. Ich spüre plötzlich Bedürfnisse, wie Harndrang, Müdigkeit oder Nähe oder Grenzen. Ich höre Geräusche, die die ganze Zeit da waren, aber nicht bis in mein Bewusstsein vorgedrungen sind. Und noch vieles mehr…
Habe ich einfach so gesagt, „Jetzt spüre ich!“ und dann war alles anders? Nein, ich war selbst in Beratungen, Coachings, in der Natur, auf Abenteuern, in Ausbildungen, auf Retreats, in Therapie… Und lernte Stück für Stück, Jahr für Jahr, neue unterschiedliche Tools kennen, die mich immer mehr ins Spüren brachten. Oft wundervoll, oft furchtbar mühsam. Im Lauf meines Erwachsenenlebens habe ich also gelernt, dass sie recht hatten. Die, die das mit den Millionen von Reizen behauptet hatten. Ich hatte nur so dermaßen keine Ahnung von der Fülle da draußen, weil mein Kopf sich vor alles gestellt hat und gebrüllt hat: „Hier! Hier herschauen! Huhu, nur ich bin wichtig!“
Heute weiß ich, dass mein Kopf schon wirklich wichtig ist. Die Worte, die ich mir überlege. Die Ideen, die ich habe. Die Pläne, die ich schmiede. Eine Zeitlang dachte ich, ich sollte ihn ganz wegschieben, um endlich spüren zu können. Das ist natürlich Blödsinn – und mittlerweile liebe ich ihn sehr.
Aber ich weiß mittlerweile eben auch, dass ich den Rest des Körpers nicht als Randnotiz betrachten darf. Sondern dass dieser manchmal vor den Kopf geholt werden darf und auch gesehen werden möchte. Und damit meine ich NICHT das Aussehen, sondern ihn WIRKLICH zu sehen, wahrzunehmen. Und damit auf einer anderen Ebene zu verstehen:
- Wie geht es mir?
- Was brauche ich gerade?
- Was ist – außer den Gedanken – noch gerade da?
Und was hat das mit der Natur zu tun?
Manchmal brauchen wir eine penetrante Erinnerung daran, dass wir den Kopf mal leiser drehen dürfen und den Körper lauter. Das funktioniert in der Natur wunderbar. Oft sehe ich bei Sonnenaufgängen, dass Frauen, die ganz viel geredet haben, in Stille ins Morgenrot schauen können. Oder bekomme von Waldübernachterinnen erzählt, wie sie die Nacht über mit Körper und Geist verbracht haben. Oder bei einer 1:1 Begleitung wird einer Frau bewusst, dass ihre Schuhe, die sie eigentlich schon aussortieren wollte, eigentlich unglaublich bequem sind und deshalb doch noch bleiben dürfen. Weil sie es gespürt hat.
Darum sitze ich gerne bei Beratungen nicht immer nur auf zwei Sesseln (auch wenn das natürlich auch immer wieder mal gut passen kann). Deswegen liebe ich es, wenn wir bewusst ins Freie gehen und wieder ins Spüren kommen.
Es gibt mittlerweile viele Studien, die zeigen, dass Aufenthalte in der Natur Stress reduzieren und unsere Aufmerksamkeit positiv beeinflussen können. Genau deshalb wird Natur heute sogar in der Psychologie und Gesundheitsförderung erforscht.
Wie lerne ich, den Kopf leiser zu drehen?
Wie die Paartherapeutin, zu der mein Mann und ich gegangen sind, so treffend gesagt hat: Menschen wollen oft Verhaltensmuster und Beziehungen (auch zu sich selbst), die man über Jahre und Jahrzehnte eingelernt hat, in kürzester Zeit durch wenige Stunden Aufwand verändern. Spoiler: Das funktioniert nicht.
Es braucht immer wieder Erinnerungen daran, dass wir nicht nur mit dem Kopf Veränderung entstehen lassen können.
Immer wieder Momente, in denen wir den Körper fragen: „Und wie geht es dir eigentlich gerade?“
Manchmal ist das ein bewusster Atemzug.
Manchmal ein Gespräch.
Manchmal ein Wald.
Manchmal einfach Stille am Feuer.
Nein, ich glaube nicht an den einen Spaziergang, der alles verändert. Und auch nicht an den einen Workshop oder die eine Beratung, und dann ist alles anders. Ich glaube eher an viele Momente, in denen wir beginnen, uns selbst wieder zuzuhören, kleine und große.
Genau deshalb ist es mir auch so wichtig, dass meine Angebote nicht nur aus Reden bestehen. In meinen Beratungen, bei den Sonnenaufgängen, den 24 Stunden im Wald oder in der Jahresbegleitung WildWachsen und auch bei den Raus-Packages gibt es immer wieder Momente, in denen wir bewusst den Körper mitnehmen, durch Gehen, körperliche Tätigkeiten, angeleitet oder in Stille. Nicht, weil das besser ist als Nachdenken. Sondern weil wir das Nachdenken ohnehin schon so gut können. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Veränderung oft dort beginnt, wo Kopf und Körper wieder miteinander arbeiten dürfen.
Und vielleicht ist das am Ende gar nicht die große Kunst.
Vielleicht geht es gar nicht darum, den Kopf leiser zu machen.
Vielleicht geht es vielmehr darum, dem Rest unseres Körpers wieder genauso aufmerksam zuzuhören wie unseren Gedanken.
Denn ich glaube, dass dort oft Antworten liegen, die der Kopf alleine nicht finden kann.